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Drei Jahre Eisschwimmen

Am Valentinstag 2015 war es soweit: mein erstes Date mit dem Eisschwimmen. Was soll ich sagen? Liebe auf den ersten Blick war es nicht gerade … Es war ein kalter, neblig-windiger Tag in Mittelfranken, der Große Rothsee war halb mit Eis bedeckt. Wir waren am Großen Rothsee, weil der kleine komplett zugefroren war. Eisschwimmer-Probleme halt. Warum war ich da? Weil ich neugierig war und weil ich das große Glück habe, mit meiner Neugier Geld verdienen zu dürfen. Deshalb habe ich Sabine und Norbert besucht, weil ich einen Radiobeitrag übers Eisschwimmen machen wollte. Sabine und ihre eiskalte Leidenschaft kannte ich aus Facebook (bekanntlich die Seite im Netz für Verrückte aller Art).

 

Während sich Sabine aus- und umzieht, nehme ich alles mit meinem Mikrofon auf. Meine Finger sind schon ganz kalt, aber als Sabine schwimmt, will ich es selbst probieren. Schließlich hat es mich ja interessiert, wie das so ist mit dem kalten Wasser und überhaupt. Also ziehe auch ich mich um und stehe dann nur noch mit Badeanzug und Badekappe da. Norbert hat das Mikrofon übernommen und hat Sabine, die an der Eiskante mit ihrer Boje ihre Bahnen zieht, und mich am Ufer im Blick. Und was kann ich sagen? Weit bin ich nicht gekommen. Das Wasser hatte keine zwei Grad, der fiese kleine Nebelwind war kalt auf der Haut und ich war total verkrampft. Wie man auch auf dem Bild sieht.

Typische Haltung unerfahrener Eisschwimmer: Mir ist kalt!

Bis zu den Knien habe ich es geschafft – dann war Schluss! Eigentlich eine ganz ordentliche Leistung, so ganz ohne Vorbereitung. Aber eigentlich auch nicht befriedigend.

Deshalb habe ich dann beschlossen, das Ganze im Herbst langsam angehen zu lassen. Bei 13 Grad im November, an einem sonnigen Tag. Da kam ich mir schon vor wie eine Heldin! Der erste Eisschwimmwinter war etwas unkoordiniert und unregelmäßig. Aber letztes Jahr, der Winter 2016/17, der war mein Eisschwimmwinter. Jede Woche seit Ende September 2016 war ich im immer kälter werdenden Wasser. Fiel mir anfangs das Reingehen noch schwer, war ich zögerlich und habe es manchmal nicht geschafft unterzutauchen, so lief es in diesem Winter prima. Hinradeln, umziehen, reingehen, schwimmen, rausgehen, fertig. Und natürlich das Kribbeln, die Heiß-Kalt-Wellen und die Glückshormone. Tipps für Nachahmer habe ich auch gleich zusammengefasst.

Kürzlich habe ich das Bild vom ersten Eisschwimmversuch zufällig wieder gesehen. Und da kam mir in den Sinn: Es ist alles eine Frage der Haltung! Schon rein äußerlich. Wie verkrampft ich da stehe. Als ob es wärmer würde, nur weil ich die Schultern zu den Ohren ziehe … und natürlich und vor allem ist es eine Frage der inneren Haltung. Ja, das Wasser ist kalt. Und ja, ich MUSS da nicht reingehen. Ich mache das freiwillig. Ich bereite mich mental darauf vor. Ich freue mich darauf. Wirklich! Vor allem die mentale Vorbereitung ist wichtig. Das macht den Moment des Reingehens entspannter. Ich weiß, was mich erwartet. Es wird kalt, dann schlägt mein Herz schneller. Dann beruhigt es sich, dann schwimme ich ruhiger. Und dann wird es irgendwann wirklich kalt und ich gehe wieder raus.

Auch noch locker beim Rausgehen: Eisschwimmerin mit Erfahrung. Weil’s schön ist!

Natürlich ist mir danach kalt. Und ich hab auch schon geflucht beim Heimradeln, weil Finger und Füße fast taub waren vor Kälte. Aber irgendwann ist mir wieder warm. Bisher ist mir immer wieder warm geworden! Vielleicht ist es ein bisschen wie mit dem Alkohol. Manch‘ einer schwört nach einem schlimmen Kater, niiieeee wieder zu trinken. Um es dann doch zu tun. Weniger vielleicht. Oder mehr essen. Oder keinen Durcheinander trinken. So ist’s auch beim Eisschwimmen. Kürzer schwimmen. Oder nicht bei Ostwind, der mich auf der Heimfahrt zusätzlich auskühlt. Einen heißen Tee mitnehmen. Solche Sachen …

Eine Beobachtung in Sachen „Kopfsache“ möchte ich noch erzählen: Einmal, als ich in der Sauna war, habe ich am Kaltwasserbecken im Außenbereich ein Pärchen beobachtet. Er ist recht lässig die kleine Leiter hinuntergegangen und kurz hin- und hergeschwommen. Sie hatte schon auf dem Weg zum Becken gesagt, dass das Wasser kalt ist und sie es sicher nicht schafft, da reinzugehen. Er hatte ihr gut zugeredet, deshalb versucht sie ihr Glück. (Dazu muss man sagen, dass die Luft abends auch kühl war). Jedenfalls steht sie gekrümmt vor Kälte an der Leiter, geht die Stufen vorsichtigst hinab, um dann all ihren Mut zusammenzunehmen und kurz bis zu den Schultern unterzutauchen. Und schwupps, war sie schon wieder draußen und ins Handtuch gewickelt. Das war eine Sache von Sekunden! Und ich, alte Eisschwimmerin, höhö, dachte mir: Wenn sie ganz ehrlich zu sich gewesen wäre: Sie hat die Kälte am Körper nicht gespürt. Das war alles nur vom Kopf. Weil so kurz, wie sie untergetaucht war, konnte das Gehirn noch gar nicht auf die neue Information reagieren. Die Info, dass es kalt war, war vorher schon da.

Es ist wie ganz oft im Leben eine Frage der Einstellung und Haltung. Es muss nicht jeder zum Eisschwimmer werden. Aber wenn ich gefragt werde, wie ich das mache, sage ich: mentale Vorbereitung. Und Vorfreude! Und dann einfach machen … weil’s so schön ist. Immer wieder.

Ein Unterschied wie Tag und Nacht, finde ich!


Eisschwimmen

Mein Schwimmblog heißt ja „Chlorhuhn“ – das sagt ja schon ne ganze Menge aus. Ich schwimme nämlich tatsächlich am liebsten im Becken. 50 Meter hin, 50 Meter zurück – gern 60 bis 80 mal hintereinander. So – und jetzt heißt der Titel von diesem Eintrag „Eisschwimmen“. Wie passt das zusammen? Nun ja – ich bin auch bissl verrückt und sehr neugierig! Und so kam’s, dass ich mich mit Sabine Croci getroffen habe, die ich aus der Facebook-Gruppe „Bist du heute schon geschwommen?“ kenne.

Sabine wohnt in der Nähe vom Großen und Kleinen Rothsee und schwimmt auch im Winter im See. Ohne Neo, nur mit Badeanzug. Eigentlich im Kleinen Rothsee, aber der ist zugefroren – es ist Februar in Bayern und es war – und ist! – kalt. An diesem Samstag ist es neblig und es weht ein kleiner, aber eisiger Wind. Für Sabine kein Grund, nicht ins Wasser zu gehen. Mitstreiter Norbert will heute nicht schwimmen, er ist die „Aufsicht“. Oberste Regel für Eisschwimmer: Nie, wirklich niemals, alleine an den See. Viel zu gefährlich.

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Sabine ist gut vorbereitet. Sie hat ihren Badeanzug schon unter der Jogginghose und dem Kapuzenpulli an. An den Füßen hat sie Wollsocken und Pantoffeln. Jetzt packt sie ein zweites Paar Pantoffeln aus und legt alles auf eine Isomatte: Handtuch, mobile Umkleide – eine Art Poncho aus Fleecestoff – und ihre Klamotten, die sie trotz des Eiswindes auszieht. Irgendwann steht sie im Badeanzug da. Die Spaziergänger sind dick eingepackt, mit Wollmütze und Handschuhen. Sabine macht sich die Rettungsboje um die Taille und tauscht die Wollmütze gegen die Badekappe. Jetzt noch die Ohrenstöpsel rein und die Brille aufgesetzt.

Letzte Vorbereitungen - Sabine schnallt sich die Rettungsboje um.

Letzte Vorbereitungen – Sabine schnallt sich die Rettungsboje um.

Es kann losgehen. Das Kinderbadethermometer zeigt 2 Grad Wassertemperatur! Man muss schon ganz genau hinschauen, um die minikurze rote Linie zu sehen.

2 Grad Wassertemperatur - man muss schon genau hinschauen, um die rote Linie zu sehen!

2 Grad Wassertemperatur – man muss schon genau hinschauen, um die rote Linie zu sehen!

Ganz langsam, aber zielstrebig geht Sabine ins Wasser. Sie spricht jetzt nicht mehr mit mir. Sie muss sich konzentrieren, erklärt mir Norbert. „Man muss den Körper auf das kalte Wasser vorbereiten – mental. Da geht man nicht mal einfach so rein.“

So, platsch – Sabine ist untergetaucht. Schwimmt ein paar Züge Brust mit dem Kopf über Wasser. Ihr Körper gewöhnt sich an das kalte Wasser. Sie taucht ihr Gesicht ins Wasser, schwimmt noch ein bisschen Brust. Doch dann fängt sie an zu kraulen! Nicht weit von ihr entfernt sitzen die Enten auf der Eisschicht, die die zweite Seehälfte bedeckt.

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Mir ist zwar ganz schön kalt, doch statt Handschuhe anzuziehen, beschließe ich, das auch zu testen. Norbert ermutigt mich und verspricht, Fotos zu machen. Sabine hat mir einen alten Neo mitgebracht. Norbert hilft mir beim Reinschlüpfen. Als Chlorhuhn brauche ich ja keinen Neo, hab da also null Übung. So, als beide Beine drinstecken, stellen wir fest, dass der Rücken vorne ist. Mir ist kalt in meinem Badeanzug. Ich habe Sand an den Füßen – und beschließe: Scheiß drauf, ich teste das jetzt im Badeanzug. Die Badekappe krieg ich kaum über den Kopf, so kalt sind meine Finger inzwischen. Egal, irgendwann sitzt sie. Und ich tapse zum Wasser. An den Zehen spüre ich kaum noch was, der kalte Wind weht um meinen fast nackten Körper. Ich bemerke nicht mal, dass das Wasser nass ist. Es ist eher so, dass es angenehm ist, weil es wärmer ist als die Luft (Lufttemperatur etwa 0 Grad). Während Sabine immer weiter hin- und herschwimmt, gehe ich bis zu den Knien ins Wasser.

Petra stapft todesmutig bei 0 Grad Luft- und 2 Grad Wassertemperatur in den Großen Rothsee. Im Hintergrund schwimmt Sabine.

Petra stapft todesmutig bei 0 Grad Luft- und 2 Grad Wassertemperatur in den Großen Rothsee. Im Hintergrund schwimmt Sabine.

Dann wird’s aber recht tief – und ich trau mich nicht weiter rein. Eigentlich ist es eher so, dass ich Angst vorm Rauskommen hab, dass ich es nicht schaffen werde, meine Klamotten wieder anzuziehen bzw. mich abzutrocknen. Diese Gedanken halten mich vom Untertauchen ab. Ich gehe wieder raus. Unverrichteter Dinge. Aber trotzdem stolz! Ich spüre weder Finger noch Zehen. Schlüpfe in die Jeans und ziehe meine Strickjacke an.

Inzwischen sind zehn Minuten vergangen und Sabine kommt zurück an Land. Sie wirkt glücklich und zufrieden. Ihre Haut ist rot gefleckt. Mit zitternden Händen zieht sie sich ihren Poncho über, trocknet sich darunter vorsichtig ab.

Der Poncho schützt vor Wind und neugierigen Blicken. Sabine ist halt ein Eisschwimm-Profi!

Der Poncho schützt vor Wind und neugierigen Blicken. Sabine ist halt ein Eisschwimm-Profi!

„Auf keinen Fall rubbeln“, erklärt sie mir zitternd. Sie spürt jetzt fast nichts, deshalb nur abtupfen. Ihr Trick beim Anziehen: „Keinen BH, die Häkchen würde ich jetzt eh nicht schließen können.“ Stattdessen ein Unterhemd. Auch die Jogginghose hat einen entscheidenden Vorteil: keinen Knopf, den sie schließen muss. Und jetzt ergeben auch die Schlappen Sinn. Sie muss nur reinschlüpfen. Und sie zittert mit den Händen, dass einem angst und bange wird! Und ich? Ich war zwar nicht schwimmen, aber ich habe kein Gefühl in den Füßen, meine Hände sind ebenfalls taub vor Kälte. Es ist bissl wie nachm Radln ohne Handschuhe oder mit Turnschuhen, wenn’s um die 0 Grad hat – der Fahrtwind kühlt genauso aus.

Im Café gibt’s für Sabine nen Früchtetee. Der muss erst ein bisschen abkühlen. Aber das macht nichts, Sabine muss auch erst mal aufhören zu zittern. Und wer jetzt denkt, dass nach dem Eisschwimmen eine heiße Dusche genau das Richtige wäre: „Ja nicht! Das würde zu nem Kreislaufzusammenbruch führen“, erklärt mir Sabine. Das kalte Blut in den Beinen und Armen darf sich nicht zu schnell mit dem warmen Blut in der Körpermitte mischen. „Man muss dem Körper Zeit geben, sich wieder aufzuwärmen.“