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5.000 Meter – 100 Bahnen

Kürzlich hatte ich Glück: Ich war schwimmen und ich war fast alleine. 50 Meter hin, 50 Meter zurück – und nur für mich. So mag ich das, da komme ich in einen Flow. Aber nicht nur eine freie Bahn sind für das perfekte Schwimmerglück nötig. Es muss einfach passen. Dass man sich gut fühlt. Dass man sich fit fühlt. Dass der Kopf frei ist. Dass der Körper mitmacht. Und so ein Tag war das. Ich merke schon bei den ersten vier Kraulbahnen: Heute ist ein guter Tag. Ich schwimme. Ich gleite. Ich fliege. Was? Schon die ersten 10 Bahnen fertig? Wow. Weiter geht’s. Auf und ab. Hin und her. Es kommt ein Mitschwimmer, wir begegnen uns und stören uns nicht weiter. Ich bin im Flow. Es läuft wie am Schnürchen, auf und ab. Hin und her. Und bevor ich meine gewöhnliche Einheit von 3.000 Metern erreicht habe, beschließe ich, mein Glück zu nutzen und heute einen draufzusetzen. Vier Kilometer. Das ist mehr als normal, aber machbar. Habe ich schon öfter gemacht und geschafft. Ist gut, trotzdem eine kleine Herausforderung. Mein Kopf ist frei. Ich denke an nichts. Außer an die Zahlen, die immer größer werden mit jeder geschwommenen Bahn. 41, 42, 43 … immer weiter, immer hin und her. Mein Mitschwimmer ist inzwischen fertig. Ich bin wieder allein. Auf und ab. Unter mir etwa 1,80 Meter nur Wasser, ein bläulich schimmerndes Edelstahlbecken, darauf eine schwarze Linie, die am Ende ein „T“ wird. Und schon wieder zum „T“ wird, die nächsten 50 Meter sind geschwommen. Wende und zurück. Ich gleite, ich fliege. Ich bin eine Maschine. Eine Nähmaschine. Eine Lok. Bin ich das, die da schwimmt?

Wenn es so gut läuft, fühlt es sich auch gut an. Von außen betrachtet sehe ich wahrscheinlich aus wie immer: eine mittelmäßige Freizeitschwimmerin. Aber innen, da fühlt es sich großartig an. Da bin ich Michael Phelps. Oder Katie Ledecky. Die haut auch einfach so mal 1.500 Meter raus, ohne Anstrengung. Und so fühle ich mich. Ohne Anstrengung. Leicht wie ein Fisch, nur atmen muss ich noch. Aber auch das läuft automatisch. Ich bin im Tunnel. Ich will ewig weiterschwimmen. Und so beschließe ich – noch bevor das neue Ziel, vier Kilometer, erreicht ist – dass heute so ein Tag ist. So ein ganz besonderer Tag. Der Tag, an dem ich fünf Kilometer schwimme. Das ist was Besonderes. Das habe ich ein oder zweimal bisher gemacht. Und immer spontan im Becken entschieden. Wenn ich mich gut fühle, wenn die äußeren Umstände passen. So wie heute. Und deshalb sind jetzt also fünf Kilometer das Ziel. 100 Bahnen im 50-Meter-Becken. Eine Hausnummer. Was für andere ein Marathon oder der Mount Everest ist – für mich sind es heute diese 100 Bahnen. Ob ich den Schwimmstil wechsle? Zur Abwechslung? Nein. Es ist ja grad soooo schön. Kraulen ohne Kraftanstrengung. Ohne Nachdenken. Ohne Hetze. Ohne Taktik, weil außer mir kaum jemand da ist. Zwischenzeitlich kommt jemand, schwimmt ein bisschen mit mir und geht wieder. Das ist schon witzig, wenn man so lange schwimmt. Die Leute kommen und gehen. Und ich bin immer noch da. Meine Bahn. Yeah. Und ich werde auch nicht müde. Die Arme sind fit, sie werden nicht schwer. Die Atmung läuft geschmeidig, ich bin nicht außer Puste. Klar, ich strenge mich auch nicht an. Pressiert ja nicht, ich habe Zeit. Und ich genieße diese Zeit. Meine Zeit. Mit mir im Wasser. Im Reinen. Im Flow. Ich bin im Tunnel und krieg von der Außenwelt nichts mit. Wenn mir jetzt jemand entgegenkommen würde, würde ich mich total erschrecken. Zum Glück kommt keiner und ich kann meinen Rausch genießen …

Bisschen Respekt hab ich schon vor dieser Strecke. Aber der größte Teil ist geschafft. Noch fehlen 400 Meter, acht Bahnen. Das ist nicht viel. Auf und ab. Hin und her. Noch sechs Bahnen, noch vier, was?? Nur noch zwei. Ob ich nicht…? Sechs Kilometer, das wäre doch was … nein! Vernünftig sein. Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Und es ist tatsächlich noch schön. Ich schwimme noch zwei Bahnen altdeutsch Rücken und zwei Bahnen Brust zum Auslockern. Und dann sind’s am Ende 100 Bahnen. 100 lange Bahnen. 100 mal 50 Meter! Fünf Kilometer. 5.000 Meter. So weit ist mein Weg mit dem Radl ins Bad nicht. Also hin und zurück vielleicht. Das ist echt eine Strecke. Ich komme nicht umhin: Ich bin stolz auf mich. Dass ich das jetzt so durchgezogen habe. Und mich noch immer gut fühle. Keiner muss mich beatmen oder aus dem Becken tragen. Ich bin ganz entspannt und ziemlich glücklich. So eine lange Strecke und das in einem Jahr, in dem ich ohnehin schon so viel geschwommen bin. Aber irgendwie macht es halt immer noch Spaß.

Am nächsten Tag habe ich übrigens keinen Muskelkater oder so bekommen. Ich habe mich lediglich etwas müde gefühlt. Als ob ich zu wenig geschlafen hätte oder ein Bier zu viel getrunken hätte. Aber das war am Nachmittag auch wieder gut. Trotzdem war ich am Folgetag mal nicht schwimmen. Da habe ich noch das gute Gefühl vom Vortag genossen!